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Süßer Klang trifft hartes Metall

Sanft schwebt der Klang vom Turm der Würzburger Neubaukirche in den Innenhof der Alten Universität herunter. Es ist die vertraute Melodie des Adventslieds „Macht hoch die Tür“. Unten lauscht eine Gruppe von Zuhörern, oben im Glockenturm haut Jürgen Buchner in die Tasten. Sprichwörtlich.

Die Hände hat der Universitäts-Carilloneur ein wenig zusammengeballt und schlägt mit den kleinen Fingern voraus die runden Holzstäbe der Klaviatur nach unten. Jede Taste ist über Stahlzüge mit dem Klöppel einer Glocke verbunden. Süßer Klang trifft hartes Metall. Das ist das Geheimnis des Carillons, des Glockenspiels, wie es vor allem in Niederländisch sprechenden Gebieten Europas Tradition hat.

„Glocken begleiten Menschen schon seit langem durch den Tag“

„Die Idee, Melodien mit Glocken zu spielen, hat einen ganz praktischen Hintergrund“, berichtet Buchner, Diakon und im Zivilberuf Diözesanrichter im Bischöflichen Offizialat Würzburg. Glocken begleiten Menschen schon seit langem durch den Tag. Weil sich viele aber beschwerten, sie wüssten nicht, wann sie auf den Stundenschlag hören müssten, entstand die Überlegung, diesen durch ein Vorspiel kenntlich zu machen. „Das wurde möglich, weil seit Mitte des 17. Jahrhunderts bekannt war, wie sich Glocken exakt stimmen lassen.“ Erste Kompositionen für das neue Instrument stammen aus dem Jahr 1728. „Es gibt – anders als zum Beispiel beim Klavier – keine Dämpfung. Deswegen ist das gleichzeitige Anschlagen vieler Töne wie beim Klavier eher schwierig.“

Das ist aber nicht die einzige Herausforderung. Der Aufstieg in den mehr als 70 Meter hohen Turm aus dem 16. Jahrhundert ist nicht besonders bequem. Bis zum vierten Stock gibt es, weil die Universität behindertengerecht eingerichtet ist, einen Aufzug. Ab dann heißt es Treppen steigen: erst eine lange Wendeltreppe, dann mehrere steile Holzstiegen empor. Der Spieltisch befindet sich gut zwei Meter unter dem Glockenstuhl. Eine sechseckige Holzkonstruktion bildet den schallgeschützten Raum, in dem Universitäts-Carilloneur Buchner das Instrument spielt. Aus und mit Leidenschaft.

Der Anfang des Carillion in Würzburg

Eine Fernsehsendung in den 1980er Jahren mit dem Titel „Glocken in Flandern“ hat sich Buchner unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt. Darin wurde der Chef der Glockenspielschule aus dem belgischen Mechelen vorgestellt. Als Buchner zum 60. Geburtstag des damaligen Universitätskanzlers Bruno Forster ein Orgelkonzert spielte, schlug er ihm vor, ein Carillon im Glockenturm der Neubaukirche zu installieren. Forster stimmte zu. Schnell fanden sich Glockenpaten wie Professoren, Ärzte und Industrie. Sie finanzierten das 185.000-Euro-Instrument mit 51 Glocken und einem Stimmumfang von viereinhalb Oktaven.

Buchner, der seit 1976 Orgel spielt, qualifizierte sich in insgesamt 100 Tagen ganztägigen Unterrichts in Mechelen als Carilloneur. Dazu gehörten auch viele Stunden auf einem Übungsinstrument, bei dem der Klang, der geringeren Reichweite und Lautstärke wegen, von Metallplatten erzeugt wird. Ein solches befindet sich auch in der Alten Universität. Auf dem „echten“ Glockenspiel wird zwischen Mai und Dezember jeweils um 17.30 Uhr musiziert. „Danach ist es auf dem Glockenturm einfach zu kalt. Und außerdem müssen wir auch einmal am Repertoire arbeiten.“

Letzteres ist ausgesprochen breit. „Das muss es auch deswegen sein, weil sich der Zuhörer kaum entziehen kann.“ Viele bekannte Stücke hat Buchner selbst für das Instrument bearbeitet. Darunter zahlreiche Volkslieder, Studentengesänge wie „Gaudeamus igitur“, aber auch Beatles-Klassiker wie „Yesterday“ und den Rocksong „Smoke on the water“ von Deep Purple. Sein praktisches Können gibt er als Dozent an derzeit neun Schüler weiter, darunter vier Frauen.

Léon Henrys „Impromptu in F“ erfordert schnelle Läufe. Kein Problem für Buchner. Die Freude am Spielen huscht ihm immer wieder kurz übers Gesicht. „In der Adventszeit und an Weihnachten gehört der besondere Klang der Glocken für viele Menschen genauso fest dazu wie Glühwein und der Duft von gebrannten Mandeln.“


Bild: Süßer Klang trifft hartes Metall: Carilloneur Jürgen Buchner bei der Arbeit. (Foto: Markus Hauck / POW)

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