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Gottesdienste als Events

Würzburg – Kirchenbänke verwaisen, Messen werden zusammengestrichen, es gibt immer größere Pfarreien und immer weniger Priester. „Diese Situation erleben sehr viele Menschen in ihren Pfarreien“, sagt Professor Martin Stuflesser, Inhaber des Lehrstuhls für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU).

Auf der anderen Seite stehen Kirchenevents, die durchaus sehr viele Menschen anziehen – etwa der Katholikentag oder die Laser-Musikshow „silentMOD“, zu der im Jahr 2016 rund 50.000 Menschen in den Kölner Dom kamen.

Eventgottesdienste: Beliebt wie umstritten

Solche Formate, so der Würzburger Theologieprofessor, seien genauso beliebt wie umstritten. Als Liturgiewissenschaftler interessiere ihn, ob diese Events längerfristige Effekt haben: „Kommen Menschen, die von SilentMod begeistert waren, jemals in einen normalen Sonntagsgottesdienst?“ Über solche Fragen wurde am 4. Dezember 2018 in der Neubaukirche bei der Veranstaltungsreihe „Liturgie der Zukunft“ diskutiert.

Zum Auftakt der Podiumsdiskussion mit Fachleuten aus ganz Deutschland feierte der als „Pop-Kaplan“ bekannte Christian Olding mit den Gästen eine Kurzform seiner „Veni-Gottesdienste“. Olding arbeitet dabei mit Videoprojektionen und Lichtinstallationen, in welche die traditionellen Elemente der Eucharistiefeier eingebettet sind.

Was haben ganz normale Pfarreien von solchen Gottesdienstformen? Lassen sich Bestandteile solcher liturgischer Events auf das Gemeindeleben herunterbrechen?

Befürworter der neuen Formate argumentieren, dass die Menschen auf diese Weise zumindest einmal wieder in die Kirche gelockt würden. Und dass sie dort, oft zu ihrer eigenen Überraschung, eine Kirche erleben, die ganz anders ist als gedacht – „eine Kirche, die am Puls der Zeit ist, die kulturelle Möglichkeiten der Gegenwart nutzt und sich auch Kunst- und Musikformen wie Techno nicht verschließt“, so Stuflesser. So könnten die Menschen erst einmal wieder mit Gott in Berührung kommen. Unter Umständen ergebe sich daraus eine engere Bindung an die Kirche.

Allenfalls maßvolle Effekte zu erwarten

Wie kann es gelingen, Gottesdienste durch neue Formen so niedrigschwellig zu gestalten, dass sich Menschen mal wieder in die Kirche wagen? Diese Frage beschäftigt die Liturgiewissenschaft schon seit Jahren. Bisherige Untersuchungen zeigen laut Stuflesser, dass Eventgottesdienste allenfalls „maßvolle Effekte“ haben. Es sei eher in Großstädten wie Berlin oder München der Fall, dass manche Menschen hierüber wieder einen Weg zur Kirche finden und sich neuerlich mit dem christlichen Glauben befassen.

Wer die Kirchenbänke wieder füllen wolle, müsse sich vor allem auch die Frage stellen, warum so viele Menschen in den vergangenen Jahren auf Distanz zur Kirche gingen. Schuld daran sind laut Stuflesser Themen, mit denen die Kirche seit geraumer Zeit negativ in den Medien vertreten ist: „Also sexueller Missbrauch, die Frauenfrage und der Umgang mit Homosexualität.“ Mit einer derart befrachteten Kirche wollten viele Menschen nichts zu tun haben, meint der Professor.

„Eventisierung“ nicht nur in den Kirchen

Für die Liturgie bedeute das: „Allein am Design der Gottesdienste herumzuschrauben, hilft nicht.“ Denn dann kämen kirchenkritische Menschen nur deshalb, weil es sich eben um ein Event handelt – „das aber als Event womöglich nur um sich selbst kreist.“ Stuflesser sieht die „Eventisierung“ in allen Gesellschaftsbereichen kritisch. An vielen Stellen werde derzeit versucht, Menschen durch Events an sich zu binden: „Denn es hat ja nicht nur die Kirche das Problem, dass die Leute wegbleiben. Auch Parteien, Gewerkschaften und Vereine erleben das.“

Bei der Kirche kommt erschwerend der Mangel an Ressourcen hinzu. Realität in vielen Gemeinden sei, dass im Pfarrhaus niemand mehr ans Telefon gehe, wenn die Oma im Sterben liegt: „Da springt nur noch der Anrufbeantworter an.“ Oder dass bei einem Todesfall in der Familie keiner mehr zum Trauergespräch komme. Teilweise fänden Gottesdienste in der eigenen Gemeinde nur noch in einem bestimmten Rhythmus statt, weil ein Priester etliche Pfarreien zu versorgen hat: „Viele ältere Leute können sich gar nicht mehr merken, wann wo Gottesdienst ist.“

Qualität von Gottesdiensten erforscht

Nach Stuflessers Einschätzung liegt es vor allem an diesen Problemen, dass die Menschen der Kirche fernbleiben. Und weniger daran, dass ein Gottesdienst einen zu geringen Event-Charakter habe. Stuflesser: „Wobei auch die Frage der Qualität der ganz normalen Gottesdienste eine Rolle spielt.“

Wie es um diese Qualität bestellt ist, hat der Wissenschaftler mit seinem JMU-Kollegen Professor Hans-Georg Ziebertz in einem dreijährigen Forschungsprojekt zu eruieren versucht. Dabei wurden 600 Priester, Diakone und hauptamtliche Laienseelsorger befragt. Den Seelsorgern, so ein Ergebnis der im Herbst 2018 abgeschlossenen Untersuchung, sei durchaus bewusst, dass Kirchgänger genau hinschauen, ob ein Gottesdienst gut vorbereitet ist. Also ob die Lieder bewusst ausgewählt wurden und ob sich der Priester Gedanken über die Predigt gemacht hat.

Die Forscher fanden außerdem heraus, dass flächendeckend von liturgischen Normen abgewichen wird. So werde zum Beispiel die Lesung aus dem Alten Testament oft weggelassen – aus Angst, die Gottesdienste würden dann zu lange dauern und die Besucher könnten nichts verstehen oder sich langweilen. Diesen Trend sieht der Würzburger Liturgiewissenschaftler sehr kritisch: „Schließlich gelten doch alle Teile der Bibel als Heilige Schrift.“

Liturgie der Zukunft

Der Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft der JMU organisiert jedes Jahr am 4. Dezember eine öffentliche Veranstaltung, um an die 1963 verabschiedete Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium zu erinnern. Unter dem Motto „Liturgie der Zukunft“ wurde zum Beispiel schon über „Liturgie und Theater“ oder „Liturgie und Kunst“ diskutiert.


Bild: Symbolbild Gottesdienst (Foto: Karl Michael Soemer / Pixelio.de)

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