Weizen, Wein und Wolle: Was alte Kontoauszüge verraten |  wuerzburg24.com

Weizen, Wein und Wolle: Was alte Kontoauszüge verraten

Würzburg – Die gut 2.000 Jahre alte Buchhaltung eines Tempels in Ägypten steht im Zentrum eines Forschungsprojekts, an dem Wissenschaftler aus Würzburg und Bordeaux beteiligt sind. Eine hohe Frustrationstoleranz ist dabei vonnöten.

Man stelle sich vor, Archäologen machen sich in 2.000 Jahren an die Arbeit, Kontoauszüge eines großen Wirtschaftsunternehmens zu entziffern, die 2018 im Altpapier gelandet sind und dort vergessen wurden. Diese Zettel sind in der Mehrheit in einem beklagenswerten Zustand: von Mäusen angefressen, miteinander verklebt, zerrissen und in einer seltsamen Schrift verfasst, die so in Quellen aus keinem anderen Ort zu finden ist. Was die Arbeit zusätzlich erschwert: Die einzelnen Zettelfetzen befinden sich nicht ordentlich gesammelt an einem Ort, sondern sind über viele Museen und Bibliotheken Europas verteilt. Weshalb beispielsweise noch niemandem aufgefallen ist, dass die obere Hälfte eines ziemlich desolaten Zettels in Wien und die untere Hälfte in Berlin liegt.

450.000 Euro aus Frankreich und Deutschland

Zugegeben: Der Vergleich mit Kontoauszügen der heutigen Zeit hinkt stark. Dennoch vermittelt er ein gutes Bild von der Arbeit, die Ägyptologinnen und Ägyptologen der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) gemeinsam mit Kolleginnen aus Bordeaux in den kommenden Jahren leisten werden. DimeData: So der Name des Forschungsprojekts, das die französische Agence nationale de la recherche (ANR) und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) jetzt bewilligt haben. Rund 450.000 Euro stellen die beiden Institutionen dafür in den nächsten drei Jahren zur Verfügung, gut die Hälfte davon geht an die JMU. Projektleiter hier ist Professor Martin Andreas Stadler, Inhaber des Lehrstuhls für Ägyptologie; Privatdozentin Dr. Maren Schentuleit, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl, wird für die konkrete Arbeit verantwortlich sein.

Ziel des Projekts ist es, die ägyptische Tempelwirtschaft anhand einer Quellengattung zu erforschen, die „gehaltvoll, schwierig, auf den ersten Blick spröde, dann aber einmalig detailreich ist“, wie Stadler sagt. Gleichzeitig wollen sie mit der Edition von rund 40 repräsentativen Texten eine Publikation auf einer Online-Editionsplattform beginnen. Unter dem Stichwort „Digital Humanities“ sollen Althistoriker und Ägyptologen neue Quellen an die Hand bekommen, die das Wissen um das Wirtschaftsleben ägyptischer Tempel in der römischen Kaiserzeit auf eine neue Basis stellen. Tatsächlich gehen die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler davon aus, dass die Ergebnisse ihrer Untersuchungen die Forschung dazu zwingen wird, das Bild von den Verhältnissen dieser Zeit zu revidieren.

Listenförmige Abrechnungen aus der Wirtschaftsführung

„Wir konzentrieren uns in diesem Projekt auf listenförmige Abrechnungen aus der Wirtschaftsführung des Tempels von Dimê, die in etwa in der Zeit von 30 vor Christi Geburt bis ins zweite Jahrhundert nach Christus entstanden sind“, erklärt Stadler. In dieser Zeit hatte Rom die Macht in Ägypten übernommen. Während die ältere Forschung den Römern die Schuld am Niedergang der Tempel in Ägypten gab, wird heute die Auffassung vertreten, Rom habe in Ägypten sogar für eine wirtschaftliche Stimulation gesorgt. Diese Kontroverse soll das jetzt gestartete Forschungsprojekt klären.

Südwestlich von Kairo, mitten in der Wüste, nahe der Oase Fayum liegen die Überreste des Tempels Dimê. Der Tempel war dem Soknopaios geweiht, der gern mit Krokodilskörper und Falkenkopf dargestellt wurde. Etwa in der Mitte des dritten Jahrhunderts nach Christus wurde der Ort aufgegeben und danach nie wieder besiedelt, was sich für die Wissenschaft als Glückfalls erweisen sollte. In der trockenen Wüste blieben antike Schriftstücke auf Papyrus gut konserviert, bis sie Ende des 19. Jahrhundert zufällig wieder entdeckt wurden. Ohne wissenschaftliche Aufarbeitung gelangten die Textfragmente damals in den Handel und wurden mit anderen Funden gemischt; heute liegen sie verstreut in Museen und Sammlungen unter anderem in Wien und Berlin, London und Paris.

Mehrere Meter lange Papyrusrollen

Bis zu zweieinhalb Meter lang können diese Papyri sein. Eng beschrieben in langen Spalten und Kolumnen sind dort über viele Jahre hinweg die Ausgaben der Tempelkasse verzeichnet. „Dort sind beispielsweise Personen angeführt, die vom Tempel bezahlt wurden“, erklärt Maren Schentuleit. Das sind zum einen Priester oder Schreiber, zum anderen aber auch staatliche Beamte und Inspektoren. Daraus lasse sich ein gutes Bild von den Kontakten zwischen ägyptischen Tempeln und römischer Verwaltung gewinnen, so die Ägyptologin.

Weizen, Brot, Olivenöl, Oliven – gesalzen oder in Wasser eingelegt: Die Ausgaben des Tempels für Waren des täglichen Bedarfs sind ebenfalls auf den Papyri akribisch vermerkt und geben Auskunft über die Konsumgewohnheiten im Ägypten vor 2.000 Jahren. Im Idealfall ermöglichen sie den Wissenschaftlern Rückschlüsse auf die Preisentwicklung über Jahrhunderte hinweg und damit auch auf die wirtschaftliche Entwicklung in dieser Zeit. Wolle, Bier, Wein – letzterer sogar in verschiedenen Qualitäten: Der Speiseplan der Antike scheint sich von einem modernen kaum zu unterscheiden.

Eine schwer zu entziffernde Schrift

Einfach lesen und übersetzen: Das funktioniert bei den Papyri aus Dimê allerdings nicht. Denn beschrieben sind die Fragmente in demotischer Schrift. „Das war eine Schreibschrift besonders für den täglichen Gebrauch. Sie ist über Umwege aus dem Hieroglyphischen entstanden, circa ab 650 vor Christus“, sagt Stadler. Die Entzifferung dieser Schrift ist selbst für Experten eine Herausforderung, vor allem weil die Schreiber in Dimê zusätzlich noch ihren ganz eigenen Schreibstil entwickelt hatten. Als wären das der Schwierigkeiten nicht genug, kommt dann noch die Tatsache hinzu, dass viele der antiken Dokumente stark zerlöchert sind, nur in Bruchstücken vorliegen oder Teile ein und desselben Fragments an verschiedenen Orten liegen, ohne dass dies überhaupt bekannt ist.

„Wer sich auf demotische Texte spezialisiert, muss Spaß am Entziffern und eine hohe Frustrationstoleranz mitbringen“, sagt deshalb auch Maren Schentuleit. Eine Kolumne an einem Tag übersetzt – das sei bereits ein großer Erfolg, so die Ägyptologin. Natürlich verfügt sie nach jahrelanger Arbeit mit dieser Schrift über ein reiches Instrumentarium, das ihr beim Dechiffrieren hilft. So gibt es im Demotischen immer ein bezeichnendes Element am Ende des Wortes, das kennzeichnet, ob es sich beispielsweise um eine Pflanze, ein Mineral oder eine Stoffart handelt. Das schränke die Suche deutlich ein.

Freude an der Wiederholung

Bei völlig unbekannten Wörtern forscht Schentuleit in der Verwandtschaft – im älteren Ägyptisch oder im folgenden Koptisch – und hofft auf Ähnlichkeiten, die ihr weiterhelfen. Oder sie erinnert sich daran, die gleiche Zeichenkombination schon einmal in einem anderen Text gesehen zu haben, und kann mit dem neuen Kontext Rückschlüsse auf die Bedeutung ziehen. Auch aus diesem Grund schätzt die Wissenschaftlerin die Arbeit an den Abrechnungslisten – einer Textgattung, die eigentlich eher wenig Lesefreude verspricht. „Sie enthalten viele repetitive Elemente und ermöglichen so Vergleiche über viele Textfragmente hinweg.“

Drei Jahre für 40 Texte und eine Online-Datenbank. „Wir leisten damit wichtige Vorarbeiten für jüngere Wissenschaftler und legen den Grundstock für weitere Forschungsprojekte“, erklärt Stadler. Und natürlich werden die Ergebnisse dazu beitragen, das Verständnis über Tempel als Wirtschaftszentren in Ägypten, über deren Beziehungen zu anderen Tempeln, über den intellektuellen Austausch innerhalb des Landes entscheidend zu verbessern – und im Idealfall die Kontroverse über den Einfluss der Römer auflösen.


Bild: Die ägyptische Tempelwirtschaft anhand einer speziellen Quellengattung erforschen: Das ist Ziel des Forschungsprojekts DimeData. Projektleiter ist Professor Martin Andreas Stadler, Inhaber des Lehrstuhls für Ägyptologie; Privatdozentin Dr. Maren Schentuleit, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl, wird für die konkrete Arbeit verantwortlich sein. (Bild: Gunnar Bartsch / Universität Würzburg)

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