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Forschung: Neuer Blick auf Unaufmerksamkeit

Würzburg – „Nun sei doch nicht so unaufmerksam! Reiß dich mal zusammen! Konzentrier dich gefälligst!“ Kein Zweifel: Unaufmerksamkeit hat heutzutage einen schlechten Ruf. Warum ist das so? War das schon immer so? Und trifft diese negative Bewertung überhaupt zu? Das sind Fragen, denen die Erziehungswissenschaftlerin Dr. Josephine Geisler in einem neuen Forschungsprojekt nachgeht.

Geisler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Systematische Bildungswissenschaft der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt ihr Projekt in den kommenden drei Jahren mit rund 250.000 Euro.

Unaufmerksamkeit ist pathologisch konnotiert

„Unaufmerksamkeit ist heute eigentlich immer pathologisch konnotiert und wird schnell mit ADHS in Verbindung gebracht. Wer unaufmerksam ist, der ist verträumt oder hibbelig und zeigt definitiv ein unerwünschtes Verhalten“, sagt Geisler. Der Tenor in Schule und Gesellschaft sei deshalb klar: Unaufmerksamkeit gilt es zu vermeiden; Aufmerksamkeit ist das erwünschte Ziel.

Wissenschaftlich fundiert ist diese Haltung allerdings nicht – zumindest nicht aus Sicht der Pädagogik. „Eine gehaltvolle Notation der Unaufmerksamkeit existiert heute nicht“, so die Pädagogin. Dementsprechend bestimme ein rein psychologischer Blickwinkel die gesamte Diskussion über Unaufmerksamkeit, eine spezifisch pädagogische Stellungnahme fehle. Dieses Defizit will Geisler mit ihrem Forschungsprojekt beheben.

Für Josephine Geisler ist Unaufmerksamkeit nicht per se ein negatives Verhalten. Schließlich bilde sie zwangsläufig den Anfang und das Ende jeder Aufmerksamkeitsspanne. „Es handelt sich dabei um zwei Punkte eines Kontinuums“, sagt sie. Und jegliche graduelle Verschiebung sei ein völlig normaler Prozess. Konsequent zu Ende gedacht, könnte man ihrer Meinung nach sogar sagen: Aufmerksamkeit ist das eigentlich störende Ereignis, das den Zustand der Unaufmerksamkeit unterbricht. „Die Unaufmerksamkeit war schließlich zuerst da.“

Von der Musik zur Pädagogik

Ihre Doktorarbeit habe sie dazu angeregt, sich mit dem Thema „Unaufmerksamkeit“ zu beschäftigen, erzählt Geisler. Diese ist 2016 unter dem Titel „Tonwahrnehmung und Musikhören. Phänomenologische, hermeneutische und bildungsphilosophische Zugänge“ im Wilhelm Fink Verlag erschienen und dürfte einen engen Bezug zu Geislers Werdegang haben. Immerhin hat die Wissenschaftlerin zunächst Oboe an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin studiert, bevor sie sich dem Pädagogikstudium zuwandte.

Das Verhältnis von Musikhören, Aufmerksamkeit und Unaufmerksamkeit fasziniert sie auch heute noch. Dass Menschen während einfacher Tätigkeiten Musik hören, erscheint ihr plausibel. Dass sie Kollegen hat, die sogar dann unter dem Kopfhörer klemmen, wenn sie wissenschaftliche Texte schreiben, ist ihr rätselhaft.

Recherche in alten Schulordnungen

Ein umfangreiches Literaturstudium steht am Anfang von Geislers Forschungsprojekt. Pädagogische Werke, philosophische Schriften, sogar Schulordnungen bis zurück ins 16. Jahrhundert wird sie dafür durchforsten – immer mit dem Blick darauf, wie Unaufmerksamkeit früher betrachtet wurde, bevor sie in die Deutungshoheit der Psychologie geriet. Dass das Urteil vergangener Generationen längst nicht so negativ ausfiel, weiß sie schon jetzt. „Seneca beispielsweise hat sich für ein gelassenes Leben ausgesprochen. Und Gelassenheit ist im Prinzip eine spezielle Form der Unaufmerksamkeit“, sagt sie.

Danach befragt, ob sie mit ihrem Forschungsprojekt an einer Ehrenrettung der Unaufmerksamkeit arbeitet, antwortet Josephine Geisler mit einem eindeutigen Ja. Natürlich gebe es Ausprägungen, die nicht lernförderlich seien. Sie fordert jedoch eine differenzierte Betrachtung. Denn in bestimmten Bereichen unterstütze Unaufmerksamkeit den Lernprozess.

Enger Zusammenhang zwischen Leib und Gedanken

„Ein defokussiertes, gelassenes Bei-sich-Sein des Subjektes ist dessen Grundstimmung und leibfundierter, unverfügbarer Ursprung jeder aufmerksamen Hinwendung zu einem Gegenstand.“ So beschreibt die Wissenschaftlerin diesen Zustand in ihrem Forschungsantrag. Der Einbezug des Leibes in ihrer Arbeit geschehe unter „leibphänomenologischer Perspektive“, um genau zu sein: im Anschluss unter anderem an den französischen Philosophen und Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty sowie an den deutschen Philosophen Bernhard Waldenfels.

Leibfundiert? „Man muss in einer solchen Untersuchung den Körper einbeziehen“, sagt sie. Von ihm gingen wichtige Impulse aus, ohne ihn sei Denken nicht möglich, weshalb sie eine ganzheitliche Herangehensweise für unerlässlich hält.

Der Zusammenhang zwischen Leib und Aufmerksamkeit beziehungsweise Unaufmerksamkeit lässt sich nach Geislers Worten an einem simplen Beispiel nachvollziehen: Beim Gehen oder Laufen könnten Menschen ihre Gedanken treiben lassen. Nicht umsonst spreche man auch davon, „die Gedanken gehen spazieren“. Unproduktiv sei dieser Prozess deshalb beileibe nicht. „Häufig wird beim Gehen etwas zurechtgerüttelt, bislang ungeordnete Gedanken können sich setzen. Und häufig kommt es in solchen Situationen zu besonders kreativen Einfällen“, sagt Geisler.

Anleitung für die Praxis

Als rein philosophisch-theoretische Arbeit will Geisler ihr Forschungsprojekt nicht verstanden wissen – ganz im Gegenteil. „Die Ergebnisse dieser Untersuchung können für die Praxis entscheidend sein“, sagt sie. Möglicherweise verändert sich mit einem anderen Blick auf Unaufmerksamkeit auch das Bild vom Lehren und Lernen, vom didaktischen Zugriff. Wenn Unaufmerksamkeit nicht mehr als unerwünschtes Abweichen vom richtigen Weg betrachtet wird, könne dies einen Prozess in Gang setzen, der zu einer verstärkten Achtung der subjektiven Lernzeit und der individuellen Lernbewegung führe. Schulen könnten dann Raum geben für ein tieferes Verstehen, das sich eventuell in Episoden des Abschweifens bildet – vorausgesetzt sie vermeiden eine übergroße Stoffmenge.


Bild: Unaufmerksamkeit ist heute eigentlich immer pathologisch konnotiert. Josephine Geisler wünscht sich eine differenziertere Betrachtung. (Foto: Gunnar Bartsch / Universität Würzburg)

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