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Demokratie in der Matrix

Würzburg – Wer wissen will, wie es in einem bestimmten Land um die Demokratie bestellt ist, kann sich jetzt mit wenigen Klicks im Internet umfassend informieren. Konzipiert haben das neue
Angebot Politikwissenschaftler der Uni Würzburg. Zum Beispiel Nordkorea: tief rot mit wenigen Ausnahmen und ein Gesamtwert von 0,05. Eindeutig eine Autokratie.

Ganz anders hingegen Schweden. Alle Felder dunkelgrün, der Score mit 0,95 nur wenig vom Maximum entfernt: ein Musterbeispiel einer funktionierenden Demokratie. Und irgendwo dazwischen die Ukraine: ein paar Bereiche blass grün, manche hellorange, manche dunkel und ein Gesamtergebnis von 0,51. Ein hybrides Regime, das sowohl demokratische als auch autoritäre Züge trägt.

Die bunten Grafiken mit ihren unterschiedlich gefärbten Feldern geben Auskunft über die demokratische Qualität eines Staates. Entwickelt haben die sogenannte Demokratiematrix Politikwissenschaftler der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts. Verantwortlich dafür war Professor Hans-Joachim Lauth, Inhaber des Lehrstuhls für Vergleichende Politikwissenschaft und Systemlehre; daran mitgearbeitet haben die Wissenschaftlichen Mitarbeiter Lukas Lemm und Oliver Schlenkrich. Vor wenigen Wochen ist die Matrix online gegangen und steht nun allen Interessierten zur Nutzung offen.

Ein differenziertes Bild über viele Jahre hinweg

„Im Unterschied zu anderen Skalen, die häufig nur einen Wert nennen, liefert die von uns entwickelte Matrix ein differenziertes Bild von den Stärken und Schwächen der demokratischen Elemente eines Landes“, erklärt Hans-Joachim Lauth. Zudem ermögliche sie den Vergleich mehrerer Staaten oder zeige Entwicklungen über Jahre und Jahrzehnte an. Informationen zu gut 200 Ländern lassen sich aus der Datenbank abrufen – das sind mit Ausnahme weniger Inselstaaten so gut wie alle Länder dieser Erde. Wo die Informationen vorliegen – beziehungsweise diese Länder überhaupt schon so lange existieren – reichen sie bis ins Jahr 1900 zurück.

Die Idee für solch eine Matrix zur Demokratiemessung hatte Lauth bereits im Jahr 2004 im Rahmen seiner Habilitation entwickelt – damals noch als rein qualitatives Modell. Eine umfangreiche Datenbank, erstellt von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Schweden und den USA, ermöglichte jetzt die quantitative Umsetzung. „Wir haben dafür aus den Daten des Varieties-of-Democracy-Projekts die Variablen selektiert, die für unserKonzept sinnvoll sind“, erklärt Lukas Lemm.

Die vielen Dimensionen der Demokratie

Drei zentrale Dimensionen der Demokratie bilden die Säulen der Demokratiematrix. Sie untersuchen Elemente der politischen Freiheit, der politischen Gleichheit sowie der politischen und rechtlichen Kontrolle eines Staates. Oder, konkret gesagt: „Können sich alle Bürgerinnen und Bürger uneingeschränkt am politischen Prozess beteiligen? Werden sie gleich behandelt? Und wie sieht es mit der Kontrolle der Regierung aus?“, erklärt Oliver Schlenkrich.

Quer zu diesen drei Säulen unterscheiden die Politikwissenschaftler jeweils weitere fünf Bereiche, die eine differenzierte Betrachtung ermöglichen: So steht beispielsweise die Qualität von Wahlen im Zentrum des Bereichs „Entscheidungsverfahren“. Wie können Parteien, Organisationen und die Zivilgesellschaft ihre Interessen artikulieren: Um diese Frage geht es im Bereich „Intermediäre Vermittlung“. Pressefreiheit wird im Bereich Kommunikation/Öffentlichkeit untersucht, die Unabhängigkeit der Justiz im Bereich der Rechtsgarantie und Gewaltenteilung ist ein Beispiel aus dem Bereich Regelsetzung und – anwendung.

Drei Säulen mit jeweils fünf Bereichen: Das ergibt insgesamt 15 Felder, die in der Demokratiematrix dargestellt werden. Ihnen zugeordnet ist jeweils ein Wert, der zwischen 0 und 1 liegen kann. Daraus lassen sich Durchschnittswerte für die jeweiligen Säulen, die Bereiche oder für das gesamte System errechnen. „Ein Ergebnis zwischen 0,5 und 1 bedeutet dabei, dass es sich um ein demokratisches Land handelt. Werte unter 0,5 sprechen für ein autokratisches System“, sagt Hans-Joachim Lauth. Außerdem gilt: Ein Ergebnis jenseits der 0,75 zeichnet funktionierende Demokratien aus; Werte zwischen 0,5 und 0,75 identifizieren defizitäre Demokratien.

Die ideale Demokratie gibt es nicht

So sprechen die Daten aus dem Jahr 2017 im Fall der Türkei beispielsweise mit einem Gesamtergebnis von 0,35 klar für eine Autokratie. Japan (0,89) ist eine funktionierende Demokratie, Indien (0,67) hat es zwar in die „demokratische Hälfte“ geschafft, weist aber Defizite auf. Und was ist mit Ländern, die sowohl demokratische als auch autoritäre Elemente in der Matrix besitzen? Für sie haben die Wissenschaftler die Kategorie „Hybrides Regime“ entwickelt. Ein Beispiel dafür ist Marokko: Dort erfüllen die Entscheidungsverfahren – also beispielsweise Wahlen – durchgängig keine demokratischen Ansprüche, während die Rechtsgarantie hohen Standards genügt.

Wer nun denkt, das Land mit dem Spitzenergebnis 1,0 müsse die ideale Demokratie sein, liegt allerdings falsch. „Eine ideale Demokratie gibt es nicht“, sagt Lauth. Schließlich sei es beispielsweise unmöglich, vollkommende Freiheit, vollkommene Gleichheit und perfekte Kontrolle unter einen Hut zu bringen. Stattdessen gebe es im Spektrum der funktionierenden Demokratien „verschiedene Profile von Demokratien“ mit unterschiedlichen Gewichtungen dieser Aspekte. Es ist für ein Land unvermeidbar sich im Rahmen dieser Trade-offs zu entscheiden, wie Oliver Schlenkrich betont. Ob sich ein Land für eine eher egalitäre oder eher libertäre Ausrichtung entschieden hat: Auch darüber gibt die Demokratiematrix Auskunft.

Musterschüler Tunesien

Journalisten, Schulen sowie alle politisch Interessierte sind nach Ansicht der Politikwissenschaftler potenzielle Nutzer der Datenmatrix. Politikerinnen, Politiker und in der Politik Aktive ebenfalls. „Sie können beispielsweise mit Hilfe der Matrix Stärken und Schwächen eines Landes identifizieren, Tendenzen nachverfolgen und auf dieser Basis Entscheidungen für Entwicklungshilfeprojekte treffen“, sagt Lauth. Aber natürlich bietet die Matrix auch Wissenschaftlern einen „hohen analytischen Nutzen“. Für sie bilden die Aussagen der Matrix in der Regel den Startschuss für tiefer gehende Arbeiten, beispielsweise der Suche nach Ursachen und Effekten spezieller Defizite, nach kulturspezifischen Charakteristika oder strukturellen Rahmenbedingungen.

Diese Fragen werden im laufenden Forschungsprojekt bearbeitet. Gut 200 Länder, ein Zeitraum von mehr als 100 Jahren: Da liegt die Frage nahe, ob es für die Politikwissenschaftler einen Kandidaten gibt, der sich als Musterbeispiel einer demokratischen Entwicklung in den letzten Jahren darstellt. „Tunesien“ lautet die schnell getroffene Entscheidung. Das sei das einzige Land, das tatsächlich als quasi mustergültige Demokratie aus dem arabischen Frühling 2010/11 hervorgegangen ist. In der Demokratiematrix spiegelt sich diese Entwicklung so wider: 2009 liegt der Wert bei gerade mal 0,23 und die große Mehrheit der Felder ist tief rot. 2017 präsentiert sich die Matrix in freundlichem Grün. Der Gesamt-Score beträgt jetzt 0,84. Beispiele für negative Entwicklungen finden sich in Polen und Ungarn.

Die Demokratiematrix steht allen Interessierten zur Anwendung offen; das Angebot ist kostenlos. Neben den deutschen Seiten gibt es auch eine englischsprachige Variante. Zu finden ist sie hier:

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