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„Wir haben keine Alternative“

Würzburg – Ein hoher Gitterzaun um ein Gelände im Industriegebiet in der Würzburger Dürrbachau: Das ehemalige Kasernengelände fungiert heute als Gemeinschaftsunterkunft mit 450 Plätzen für Flüchtlinge. Seit Anfang der 1990er Jahre wird das Gelände genutzt, um Flüchtlingen dort vorübergehend Wohnraum zu gewähren.

„In der Gemeinschaftsunterkunft leben die Flüchtlinge in der Regel nur so lange, bis der Asylantrag überprüft ist und sie einen positiven oder negativen Bescheid bekommen“, erklärt Marion Stöhr von der Flüchtlingsberatung des Diözesan-Caritasverbands Würzburg. Bekomme ein Flüchtling Bleiberecht, habe er das Recht, aus der Gemeinschaftsunterkunft auszuziehen und sich eine eigene Wohnung zu suchen. Allerdings sei der Wohnungsmarkt in Würzburg hart umkämpft.

Caritas unterstützt Flüchtlinge

Die Beratungsstelle der Caritas unterstützt Flüchtlinge unter anderem bei Antragsstellungen, steht bei der Arbeitsplatzsuche zur Seite, hilft bei der Anmeldung von Kindern im Kindergarten und in der Schule oder tritt in Kontakt mit der Ausländerbehörde, um zum Beispiel einen Ausweis zu verlängern. „Bei der Wohnungssuche sind wir nicht behilflich, weil es unsere Kapazitäten sprengt“, sagt Stöhr.

Die meisten Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft kommen aus Syrien, Afghanistan und Äthiopien. „Junge Männer aus Afghanistan, die alleine nach Deutschland kommen, werden in der Regel nicht als Flüchtling anerkannt“, sagt Stöhr. Erst Mitte Dezember habe es eine Sammelabschiebung zahlreicher afghanischer Flüchtlinge in Bayern gegeben. Wird der Asylantrag jedoch bestätigt, darf sich der Flüchtling eine eigene Wohnung suchen. „Die Erfahrung hat gezeigt: Wenn Flüchtlinge begleitet werden von jemandem, der die Gepflogenheiten in Deutschland kennt und Termine vereinbart, ist es für sie einfacher, eine Wohnung zu finden“, erläutert Stöhr.

Projekt „move‘in“

Das beim Diözesan-Caritasverband angesiedelte Projekt „move‘in“ wurde am 1. April 2013 vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und  Frauen ins Leben gerufen und finanziell gefördert. Bis Dezember 2016 wurden Flüchtlinge durch dieses Projekt bei der Wohnungssuche unterstützt. Nun läuft das Projekt aus, was Stöhr bedauert: „Die Zahlen sprechen für sich.“

Von April 2014 bis Juni 2016 konnten 172 Wohnungen vermittelt werden, die von 382 Personen bewohnt werden. Seit Anfang Oktober 2016 liegen Anfragen auf Unterstützung von 135 Haushalten vor, 79 davon sind Einzelpersonen, 56 Haushalte umfassen zwischen zwei und sieben Personen. Obwohl der Bedarf nach Unterstützung bei der Wohnungssuche da sei, „hat das bayerische Sozialministerium keine weiteren Gelder zur Verfügung gestellt“, erklärt Stöhr.

Staatliche Unterstützung wurde zurückgefahren

Insgesamt werde die staatliche Unterstützung für die Flüchtlingsberatung zurückgefahren. Bis 2016 habe der bayerische Landeshaushalt 30 Millionen Euro für die Flüchtlingshilfe zur Verfügung gestellt. Bis Ende 2018 werde dieses Geld um rund die Hälfte reduziert, sagt Stöhr. „Es kommen weniger Flüchtlinge nach Deutschland. Doch wenn weniger Flüchtlinge kommen, muss man sich mehr um die kümmern, die bereits hier leben. Man muss Integration fördern.“ Bischof Friedhelm Hofmann habe die Flüchtlingshilfe des Diözesan-Caritasverbandes in den vergangenen beiden Jahren mit rund sechs Millionen Euro aus Mitteln des Bischöflichen Stuhls unterstützt. „Damit hat er gezeigt, dass es ihm ein dringendes Anliegen ist, Flüchtlingen zu helfen“, sagt Stöhr.

„Es herrscht totaler Wohnungsmangel in Würzburg“

Michaela Pfeiffer, ehemalige Mitarbeiterin beim Wohnungsprojekt „move‘in“, hilft Girmay Abreha Gides aus Äthiopien, eine Wohnung zu finden, auch wenn das Projekt Ende 2016 ausgelaufen ist. „Es herrscht totaler Wohnungsmangel in Würzburg“, sagt Pfeiffer. Seit zwei Jahren lebt Abreha Gides in der Gemeinschaftsunterkunft in Würzburg. Im Juli 2016 hat er seine Aufenthaltsgenehmigung erhalten und sucht seitdem eine Wohnung in Würzburg. „In der Gemeinschaftsunterkunft ist es dicht gedrängt.

Vier Leute sind auf einem Zimmer“, erzählt Abreha Gides. Es sei immer irgendwas los, jemand telefoniere oder rauche, trinke Alkohol. Manche arbeiteten im Schichtdienst, gingen früh oder kämen spät. Das verursache einem auf die Dauer regelrecht Kopfschmerzen. „Das ist ein typischer Satz, den wir oft hören: ‚Mein Kopf ist kaputt.‘ Es ist ja nicht nur das Zimmer, das sie sich teilen. Auch die Küche und das Bad“, ergänzt Pfeiffer.

Man müsse geduldig sein, sagt Abreha Gides. „Wir haben keine Alternative.“ Er hat ab September eine Ausbildung als Krankenpfleger in Aussicht und hofft, bis dahin eine eigene Wohnung gefunden zu haben. Dass dieses Unterfangen nicht einfach wird, weiß Pfeiffer. „Es kommen immer mehr Studenten nach

Würzburg. Für Einzelpersonen ist es schwierig, in eine Wohngemeinschaft zu kommen.“ Viele der Geflüchteten sagten aufgrund der Erlebnisse in der Gemeinschaftsunterkunft, sie bräuchten jetzt erst mal ein bisschen Ruhe. „Wir greifen bei den Wohnungen daher nach jedem Strohhalm“, sagt Pfeiffer.


Bild: Michaela Pfeiffer hilft Girmay Abreha Gides bei der Wohnungssuche. Er hat ab September eine Ausbildung als Krankenpfleger in Aussicht und möchte dann eine eigene Wohnung beziehen. (Foto: Bernadette Weimer )

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