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Glocken sind seine Leidenschaft

Würzburg – Schnell den batteriebetriebenen Scheinwerfer in die eine Ecke abgestellt. Dann packt Ben Schröder seine Digitalkamera und schwingt sich behende die stählernen Sprossen im Nordturm an der Westfassade des Kiliansdoms empor. Näher ran an die Objekte seiner Begierde. Der 13-jährige Schüler aus Schwarzach ist leidenschaftlicher Glockenfan.

„Seit wann interessierst Du Dich denn für Glocken?“, möchte Linda Burkhard, Kirchenredakteurin beim Radiosender Antenne Bayern, von ihm wissen. „Seit etwa zwei Jahren“, entlockt sie dem Gymnasiasten, ehe er außer Reichweite ihres Mikrofons ist. Ben möchte lieber alles vorbereitet haben, wenn das Geläute zur programmierten Zeit loslegt, als jetzt Fragen zu beantworten.

Dass Dompfarrer Jürgen Vorndran dem jugendlichen Glockenfan und dessen gleichaltrigen Freund Alexander Knörr aus Volkach die Gelegenheit bietet, hat Ben wohl dem Radiosender zu verdanken. Die Münchener Hörfunkjournalistin hatte von Bens Leidenschaft in der Zeitung gelesen. Beim telefonischen Kontakt hatte der ihr gesagt, er würde gerne die Glocken des Doms aufnehmen. Über Burkhards Anfrage beim Bistum Würzburg wurde das dann möglich. Egal. Das Läuten hat begonnen.

Der Schalldruck der Glocken ist groß. Ben und Alexander haben professionellen Gehörschutz dabei. Mit schlafwandlerischer Sicherheit bewegen sie sich in der Nähe der Glocken. Reporterin Burkhard zeichnet für ihren Hörfunkbeitrag das Läuten auf. Die drei untersten Glocken im Nordturm bewegen sich nicht. „Aus Sicherheitsgründen, damit nichts passiert“, erklärt der Dompfarrer. So erklingt an diesem Adventsnachmittag das Geläute, das sonst üblicherweise an einem Fastensonntag zu hören ist. Auch dieses ist schon ein Klangerlebnis.

Fast schon professioneller Aufwand

Schon beim Aufstieg über die vielen Treppenstufen zur Glockenstube war Ben kaum zu bremsen. „Ich kenn ihn ja schon, er war neulich mit mir in der Marienkapelle, um dort die Glocken aufzunehmen“, erzählt der Dompfarrer mit einem Lächeln ins Mikrofon der Reporterin. Tonaufnahmegerät, extra Licht, zwei Kameras. Mit fast schon professionellem Aufwand ist Ben seit einiger Zeit unterwegs, um so viele Glocken wie irgendwie möglich perfekt ins Bild zu rücken. „Rund 50 Geläute im Bistum Würzburg habe ich schon. Mein Ziel ist es, alle aufzunehmen“, erzählt er selbstbewusst, während er seine Kamera betriebsbereit macht.

Mit seinen insgesamt 20 Glocken ist das Geläut des Kiliansdoms allein schon wegen der schieren Größe etwas Besonderes. Insgesamt elf Glocken bilden hoch über den Dächern der Würzburger Innenstadt das größte zusammenhängende Geläute aus einer Gießerhand in Deutschland. Diese wurden 1965 bei Friedrich Wilhelm Schilling gegossen, dem anerkannt besten deutschen Glockengießer der Nachkriegszeit,. Einziger Urahn im Glockenturm des Doms, der die Bombardierung Würzburgs am 16. März 1945 überstand, ist die über 750 Jahre alte historische Lobdeburg-Glocke aus dem Jahr 1257. Hinzu kommen die acht Zimbelglocken, die 2008 bei Rudolf Perner in Passau gegossen wurden.

Bens Taktik, um an die begehrten Aufnahmen für seine Glockenvideos zu kommen, ist immer die Gleiche: Erst recherchiert er das zuständige Pfarrbüro, dann ruft er dort an. Schließlich vereinbart er einen Termin. „Dann schaue ich mir die Glockenstube an, checke das Licht, bereite Tonaufnahmegerät und Kameras vor – und dann: Aufnahme“ , erzählt Ben, während der Glockenklang langsam verhallt.

Noch ein paar Fotos von den Glocken, dann ziehen Ben, Alexander, Dompfarrer und Reporterin vom Domdach hinunter in die wohltemperierte Sakristei. Dort wird das Interview wegen der kalten Wintertemperaturen fortgesetzt. Noch bevor Dompfarrer Vorndran die elektronische Glockensteuerung zeigen kann, hat Ben die Wandtafel entdeckt, die über Maße, Inschriften und Namen der einzelnen Glocken informiert. „Warum sind die Glocken denn so schwer?“, will Ben wissen. „Das liegt an der überschweren Rippe“, sagt Vorndran. Schelling habe die Glockenwände dicker als viele andere Glockenbauer gemacht. Dieser Tatsache verdankten dessen Glocken den besonders vollen Klang.

Leidenschaft für Glocken

Woher seine Leidenschaft für Glocken kommt, fragt die Reporterin den jungen Glockenfan. „Ich habe bei einer Besichtigung im Kölner Dom den Dicken Pitter gehört, die größte freischwingende Glocke der Welt. Der Klang hat mich fasziniert. Bei tiefen Glocken bebt die ganze Umgebung.“ Seitdem frönt er dieser Leidenschaft für Glocken. „Meine Klassenkameraden haben das natürlich längst mitbekommen. Sogar der Musiklehrer hat mich schon darauf angesprochen. Und viele fragen mich, ob sie mich nicht auch mal bei meinen Aufnahmen begleiten können.“ Seinen Heimatlandkreis Kitzingen hat Ben glockentechnisch schon beinahe komplett abgegrast. Inzwischen brennt er schon so sehr für das Thema, dass er einen klaren Berufswunsch hat: „Ich möchte Glockensachverständiger werden. Da hat man dann Zutritt zu jedem Glockenturm.“

Videos auf YouTube

Aber vorher wird er am heimischen Rechner noch ein Video mit dem Geläut des Würzburger Doms zusammenschneiden, und Burkhard einen Hörfunkbeitrag, der auch spätestens an Heiligabend über den Äther gehen wird. „Süßer die Glocken nie klingen…“ Bens Videos sind auf seinem YouTube-Kanal unter www.youtube.com/glockenzeit zu sehen.


Bild: Gruppenbild auf dem Dach des Doms (von links): Linda Burkhard, Alexander Knörr, Ben Schröder und Dompfarrer Jürgen Vorndran. (Foto: Markus Hauck / POW)

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